Mitarbeiter-Entsorgung aus „wirtschaftlichen“ Gründen

Neulich auf dem taz – Kongress in Berlin:

Ein Teilnehmer aus dem Publikum meldet sich zum Thema Älterwerden im Beruf zu Wort:

Er muss seit einiger Zeit beobachten, dass ältere und missliebige KollegInnen aus dem Betrieb geekelt werden. Sie sind einfach zu teuer geworden. Sie fallen den wirtschaftlichen, neoliberalen Machenschaften zum Opfer. Sie sind angeblich zu teuer. Die Qualität der Arbeit spielt dabei nur noch eine untergeordnete Rolle, denn die Leute werden einfach durch junge, billige Arbeitskräfte, ersetzt. Diese sind dann auch noch meist mit einem befristeten Arbeitsvertrag ausgestattet. Wenn dieser neue Mitarbeiter auch nicht annähernd an die Qualität des Ausgestoßenen herankommt – egal, Hauptsache „wirtschaftlich.“

Und das Schicksal des hinausgeworfenen Menschen? Der ist nur ein „Vorgang.“ Wen kümmerts? Hauptsache wirtschaftlich.

Die Arbeitnehmer werden entsorgt wie ein paar alte Schuhe. Wenn dieser sich wehrt, wird gelogen, dass sich die Balken biegen um ihn loszuwerden. Hauptsache wirtschaftlich.

Leute – legt euch eine gute Rechtsschutzversicherung zu! Ihr werdet sie brauchen. Dann könnt ihr den „wirtschaftlichen“ Machenschaften eurer Bosse einen Strich durch die Wirtschaft machen, indem ihr ihnen eine unwirtschaftliche saftige Abfindung abnötigt.

Wahrscheinlich nicht, aber man soll ja nie aufgeben: Wenn die merken sollten, dass ihre neoliberale Scheinwelt eben keine reale, menschliche Welt ist, werden sie vielleicht ihre Mitarbeiter mit anderen Augen sehen und endlich mal anfangen, diese zu wertschätzen.

Titelkarikatur: nadir.org

Norbert Scheuer – Die Sprache der Vögel

Der Autor erzählt die Geschichte eines Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan, Paul Arimond. Er ist dort als Sanitäter stationiert. Anders als andere Soldaten hat er großes Interesse an Dichtung und Wahrheit. Goethes Autobiographie liest er  in der Lagerbibliothek. Seine große Leidenschaft ist aber die Vogelkunde, er versucht alles, um seine gefiederten Freunde zu beobachten. Auf den Spuren des Großvaters Arimonds, der vor Zeiten die Region besuchte, erzählt Norbert Scheuer eine Geschichte vom Leben.

Auszug:

Seite 57: „Die Girlitze hüpfen jetzt aufgeregt auf den niederen Büschen im felsigen Gelände. Einige der Männchen balzen, tragen enthusiastisch ihre Lieder vor, lassen dabei ihre Flügel hängen und richten das Kopfgefieder auf, wobei ihre rote Stirn besonders auffällt. Ich glaube nicht, dass Vögel allein zum Zweck der Fortpflanzung singen. Irgendetwas existiert im Leben, das mehr ist als wir selbst und für das es keine Sprache gibt. Vielleicht liegt darin der Grund, dass Vögel singen.“

Wobei wir beim Thema sind: Warum sind wir eigentlich hier und tun all diese Dinge? Auch für uns gilt, dass es etwas im Leben gibt, das mehr ist als wir und für das es keine Sprache gibt.

Sebastian Hammelehle vom KulturSPIEGEL zum Autor: „einer der klügsten und feinsinnigsten Erzähler, die dieses Land derzeit hat.“

Beitragsfoto: leselink.de

Und Nietzsche weinte von Irvin D. Yalom

Statt meinen eigenen Worten lasse ich heute mal das Buch selbst sprechen. Ich glaube, dass diese Ausschnitte aus dem Roman mehr sagen als tausend Worte darüber. Also, los geht`s:

Auf Seite 274 lässt Yalom seinen Nietzsche zu seinem Therapeuten und Patienten Dr. Breuer sagen: „Ziele? Ziele entspringen der Kultur, der Atmosphäre, mit der Luft atmet man sie ein. Alle wollten wir … unseren Weg in der Welt machen, es zu Erfolg, Reichtum, Ansehen bringen. Und doch nützen Sie Ihnen nichts, Josef. Sie waren nicht Grundfeste genug, um ein Leben zu tragen. Für manche wohl, für die Kurzsichtigen, für die Fußlahmen, welche ihr ganzes Leben hinter Besitzgütern herhumpeln … Malnehmen mit Null gibt doch wieder Null!“

Seite 306: „Ihre Anfechtungen entbehren jeder Realität! … diese Dinge existieren nicht! Diesen erbärmlichen, menschlichen Phantasmen eignet nichts Übernatürliches. Alles Sehen, alle Erkenntnis sind relativ. Wir erfinden das, was wir erleben, und was wir erfinden, können wir auch zerstören.“

Seite 345: „… lässt schließlich keinen Zweifel daran, dass der Großteil unserer Gedächtnis- und Denkvorgänge sich außerhalb des Bewusstseins vollziehen. Ich teile diese Anschauung, nur geht es mir nicht weit genug. Nach meinem Dafürhalten lässt sich kaum überschätzen, in welchem Maße das Leben – das wirkliche Leben – vom Unbewussten bestimmt wird.“

Seite 347: „Was hätte gestern deutlicher zutage treten können, als dass Ihre Beziehung zu Bertha unwirklich ist, eine Illusion, gewoben aus Bildern und Sehnsüchten, welche mit der leibhaftigen Bertha nicht das mindeste zu tun haben?“

Seiten 358/359: „Ich lehre nicht, Josef, dass man den Tod ‚ertragen‘ oder ihm ‚begegnen‘ solle. Das führte geradewegs in den Lebensbetrug! Meine Lehre lautet: Stirb zur rechten Zeit!“

„Wer zur rechten Zeit lebt, wer vollbringend lebt, für den verliert der Tod seinen Schrecken. Wer nie zur rechten Zeit lebt, wird nie zur rechten Zeit sterben können.“

Haben Sie Ihr Leben gelebt? Oder wurden Sie von ihm gelebt? Haben Sie gewollt? Oder wurden Sie gewollt? Das Leben geliebt? Oder gereut? … Ist Ihr Leben aufgebraucht? Stehen Sie nicht auch hilflos da und betrauern das Leben, das Sie nie gelebt haben?“

Dieses Buch von Irvin D. Yalom stellt viele Fragen und gibt viele Antworten. Es bringt uns ganz nebenbei einen tiefen Einblick in das Leben im damaligen Wien. Josef Breuer, Siegmund Freud – der damals ein junger Schüler von Breuer war – und in die Philosophie des Friedrich Nietzsche.

Dieses Buch zu lesen ist ein Genuss!

Die Seitenzahlen beziehen sich auf die Taschenbuchausgabe mit der ISBN: 978-3-442-73728-4

Beitragsbild: amazon.de